örtliche Betäubung bzw. Lokalanästhesie

allgemeine Informationen für Patienten


  • Die örtliche Betäubung bzw. Lokalanästhesie ist eine Methode zur Ausschaltung von Schmerzen (Ort= locus, Empfinden= ästhesia) mittels einer Injektion durch eine Hohlnadel bzw. Kanüle, an der eine Spritze bzw. Tropfsystem direkt oder über einen Katheder angeschlossen ist.
  • Nach einer entsprechenden Aufklärung (je nach Risiko auch schriftlich) bzw. Lagerung des Patienten nutzt der Arzt, welcher entsprechende Kleidung und sterile Einmal-Handschuhe trägt, ein so genanntes Injektionsbesteck mit Tüchern, Desinfektionsmittel, Tupfer, Katheder, Tropfsysteme, Spritzen und Kanülen, um das örtliche Betäubungsmittel in den Körper einzubringen.
  • Im Rahmen einer Operation, Wundversorgung oder Gelenkpunktion kann man das Rückenmark bzw. die Nerven (von Nervenwurzeln über Nervenstämme bzw. -äste bis kleinste Verzweigungen) für wenige Minuten bis mehrere Stunden betäuben.
  • Eine Sonderform stellen die therapeutische Lokalanästhesie bzw. TLA zur Schmerzunterbrechung am Nerven- und Bewegungssystem sowie die Neuraltherapie bzw. NT zur Anregung von Nerven, Hormonen und Immunsystem (Die Neuraltherapie) dar.
  • Bei der TLA werden einerseits ein Nerv(enast), Muskel bzw. Triggerpunkt, eine Faszie (Muskelhülle), Sehne oder Gelenkkapsel betäubt und somit das Empfinden für einige Stunden ausgeschaltet bzw. der Schmerz für unterschiedliche Dauer gelindert. Andererseits kann man bei Nichtansprechen der Injektion eine Erkrankung des betroffenen Gebietes ausschließen. Dies nutzt man im Rahmen einer Gelenkpunktion bzw. Facettenblockade oder periradikulären Therapie bzw. PRT an der Wirbelsäule. Hier wird bei einem Leiden (Verletzungen der Wirbelsäule, Wirbelgleiten bzw. Spondylolisthesis, Bandscheibenleiden, Arthrosen und Facettensyndrom, Recessus- und Spinalstenose) je nach Beeinträchtigung einer Nervenwurzel (Engpass- und Kompres-sionssyndrome der Nerven) per Computer-Tomographie ein Betäubungsmittel, Procain, Alkohol oder Kortison in das betroffene Gelenk hineingespritzt oder die betroffene Nervenwurzel (Wurzel= radix) mit diesen Mitteln "umspritzt" (herum= peri).
  • Wegen der Nebenwirkung der Blockade von Nerven für Muskeln und andere wichtige Organe, nutzt der Arzt diverse Ausbildungen und kontrolliert Gefühl bzw. Lähmungen, Bewusstsein, Herz-Kreislauf- und Atemfunktion des Patienten. Dies geschieht meist schon durch Reden mit dem Patienten, das Beobachten des Patienten beim Sprechen, Aufstehen und Anziehen sowie natürlich bei Bedarf durch Hilfsmittel und Überwachung der Körperfunktionen (EKG, Blutdruck-, Puls- und Sauerstoff-Messung). Äußerst selten treten lebensbedrohliche Komplikationen auf und werden sofort durch Notärzte behandelt.
  • Je nach Wirkung des Medikamentes besteht immer eine Fahruntauglichkeit für wenige Minuten bis zu 12 Stunden.

spezielle Informationen für Kollegen


Definition

  • diagnostisches und therapeutisches Verfahren zur Ausschaltung von Schmerz und anderer afferenter Qualitäten in Körperregionen

Historie

  • Die Neuraltherapie
  • 1843 erfinden Pravaz die Spritze und Wood die Hohlnadel
  • 1860 isoliert Niemann das Alkaloid Kokain
  • 1883 wendete Koller erstmals Kokain auf Anregung von Freud zur örtlichen Betäubung bei einer Star-Operation an
  • 1892 optimiert Reclus die Dosis (von 30% auf 0,1%)
  • 1898 entwickelt Oberst die Fingerbasis-Anästhesie
  • 1898/9 beschreibt Bier die "Kokainisierung des RM" im Selbstversuch
  • 1905 entwickelt Einhorn bei Bayer das Produkt Novocain ® (Wirkstoff: Procain) und führt es mit Ulfelder ein
  • 1908 führt Stoeckel die Caudalanästhesie in der Geburtshilfe ein
  • 1911 führt Läwen Blockaden der Nn. femoralis und ischiadicus durch
  • 1912 propagieren Sellheim die Paravertebralanästhesie, Hirschel die axilläre Plexusblockade, Kulenkampf die supraklavikluläre Plexusblockade
  • 1943 wird das Lidocain eingeführt

Voraussetzungen

schriftliche Aufklärung bzw. Einweisung Lagerung Ort Personal
  • erfahrener Arzt bzw. Facharzt für Anästhesie mit Kenntnissen der ABC-Regel
Geräte
  1. zur Überwachung von Herz-Kreislauf- und Atemfunktion (EKG, RR-, Puls- und O2-Messung)
  2. zur Therapie von Störungen der Herz-Kreislauf- und Atemfunktion (Flasche, Ventilmechanismus, Schlauch und Nasensonde oder Maske für O2-Insufflation, Intubationsbesteck (Beat-mungsmaske und -beutel, Guedel-Tubus, Laryngoskop nach MacIntosh, Endotracheal-Tubus, Spritze zur Blockung, Pflaster oder Binde zur Fixation)
i.v. Zugang
  • für Infusion (z.B. HAES oder Ringer-Lactat-Lösung) und Medikation (z.B. Atropin, Adrenalin oder Benzodiaze-pin)
Lokalanästhetikum Hygienekleidung
  • Kopf- und Atemschutz, sterile Einmal-Handschuhe
Desinfektion Injektionsbesteck
  • Einweg-Spritzen und -kanülen zum Aufziehen von Lösungen in 2ml Ampullen (Stärke mind. 1 x 40 oder 50) und zur Injektion (Stärken x Längen von 0,4 x 20 bis 0,8 x 120 mm) (vgl. Tab. 4.1 S. 52 aus Badtke und Mudra 1998)

Indikation

Kontraindikation

  • Nichtaufklärung
  • Nichteinwilligung des kooperativen Patienten
  • lokale Hautinfektion
  • Gerinnungsanomalie (relativ)
  • schwere Hypovolämie bzw. Schock (relativ)
  • Betäubungsmittel

Technik

  • je nach Methode Prämedikationsvisite
  • bei rückenmarksnahen bzw. RM-nahe Anästhesien Nahrungskarrenz (mind. 6 h)
  • je nach Methode Ankleiden (Kopfschutz, Atemschutz mit 99%igem Filter, steriler Kittel und sterile Einmal-Handschuhe)
  • je nach Methode Entkleidung und Lagerung des Patienten (am besten liegend oder sitzend mit Abstützung und Hilfe durch Assis-tent, cave Synkope und Sturz)
  • Vorbereitung Injektionsgebiet (z.B. Rasur)
  • Desinfektion und Abdeckung (je nach Methode keine Abdeckung bzw. sterile Einmal-Tücher mit oder ohne Klebestellen, Löcher etc.)
  • Injektion (als intracutane, subcutane, intramuskuläre, intravenöse oder rückenmarksnahe peridurale bzw. spinale Injektion bzw. als Infiltrations-, Leitungs- oder i.v. Anästhesie mit und ohne Katheder bzw. flexible Kanälen bzw. Flexülen)

Methoden

  • RM-nahe Anästhesie (Spinalanästhesie oder SPA, Periduralanästhesie oder PDA)
  • Plexusanästhesie (z.B. Plexus brachialis oder lumbosacralis)
  • Leitungsblock (z.B. 3 in 1 Block des Plexus lumbalis)
  • i.v. Anästhesie nach Bier
  • periphere Leitungsanästhesie eines Nerven (z.B. Nn. radialis, medianus, ulnaris, obturatorius, cutaneus femoris lateralis, femoralis, ischiadicus, tibialis, peronaeus profundus und superficialis, saphenus und suralis (ggf. in Kombination wie z.B. als Fußblock)
  • Fingerbasis-Anästhesie nach Oberst
  • Feldblock (proximal eines Gebietes Ausschaltung sensibler Afferenzen)
  • Infiltrationsanästhesie vor Punktionen, Biopsien, Wundversorgungen und Operationen)
  • CT-gestützte Facettenblockade bzw. -denervierung oder periradikuläre Therapie bzw. PRT im Rahmen (periradikuläre Therapie und Facettendenervierung)
  • Neuraltherapie nach Hunecke (Die Neuraltherapie)

Literatur

  1. Badtke G, Mudra I (1998) Neuraltherapie. 2., vollst. überarb. Und erw. Aufl. Ullstein Medical, Wiesbaden 51-112
  2. Becke H (1991) Neuraltherapie bei Kreuzschmerz und Migräne. Hippokrates, Stuttgart
  3. Bergsmann O, Bergsmann R (1993) Einfache Neuraltherapie für die tägliche Praxis. Facultas, Wien
  4. Dosch P (1995) Lehrbuch der Neuraltherapie nach Huneke. 14. erw. Aufl. Haug, Heidelberg
  5. Fischer J (2010) Schmerztherapie mit Lokalanästhetika. 2. überarb. und erw. Aufl. Thieme, Stuttgart
  6. Fischer L (2001) Neuraltherapie nach Huneke. 2. überarb. Aufl. Hippokrates, Stuttgart
  7. Heisel J, Jerosch J (2007) Schmerztherapie der Halte- und Bewegungsorgane. Springer, Berlin 101-24
  8. Krämer KL, Stock M, Winter M (1993) Klinikleitfaden Orthopädie. 2. erw. Aufl. Jungjohann, Neckarsulm 28-33
  9. Kuschinsky G, Lüllmann H (1987) Kurzes Lehrbuch der Pharmakologie. 11. neubearb. Aufl. Georg Thieme, Stuttgart NewYork 257-63
  10. Schmucker P, Osswald M, Schmitz ER, Peter K (1992) Regionalanästhesie bei orthopädischen Operationen. In Jäger M, Wirth CJ (Hrsg.) Praxis der Orthopädie. 2. neubearb. Aufl. Georg Thieme, Stuttgart NewYork 170-7
    © 2007 - Dr. med. F. Uwe Günter   nach oben