Die Kinderlähmung

allgemeine Informationen für Patienten


  • Die Kinderlähmung bzw. Poliomyelitis (Polio) ist eine klassische Infektionskrankheit, welche durch Impfung vorsorglich behandelt wird. Sie wird durch einen Virus verursacht, welcher über den Mund aufgenommen und über alle Ausscheidungen wieder übertragen wird (so genannte Schmutzinfektion). Somit kann die Polio epidemisch (in Europa nur noch sporadisch) nach einer Woche Inkubationszeit auftreten. Glücklicherweise treten nur in seltenen Fällen bei Befall des Nervensystems Lähmungen ein, welche jedoch das weitere Leben bestimmen.
  • Je nach Verlauf und Ort der Erkrankung treten meist einseitige Lähmungserscheinungen an den Armen und Beinen (Rückenmark-Erkrankungen, Der Knickplattfuß) auf. Seltenst tritt eine tödliche Atemlähmung ein.
  • Die körperlichen Behinderungen werden durch Spezialisten untersucht und so behandelt, dass das "Arbeiten" und Gehen möglich sind. Dazu bedarf es spezialisierter Kliniken mit Operateuren und Orthopädie-Technikern.
  • Dazu sind die orthopädischen Eingriffe an Sehnen und Knochen zur Vermeidung einer Gelenksteife bzw. Versteifung von falsch gewachsenen bzw. zu lockeren Gelenken notwendig, wobei im Vordergrund die Fußfehlstellungen (Versteifung der Sprunggelenke bzw. Arthrodese) stehen. Parallel sind zahlreiche Hilfsmittel, Orthesen und orthopädische Schuhe im Rahmen der Rehabilitation und lebenslange Physiotherapie mit Krankengymnastik auf neurophysiologischer Grundlage bzw. Basis kostenpflichtig. Da Rezepte allein nicht ausreichen, gibt es hier laut Sozialgesetzbuch sehr gute soziale Einrichtungen (behindertengerechte Wohnungen, Kindergärten, Schulen, Ausbildungszentren, Berufszentren usw.) und Institutionen (sozialpädiatrische Zentren (SPZ), Sozialämter, Vereine, Selbsthilfegruppen usw.) wie kaum in einem anderen Land.
  • Die Vorsorge durch eine Impfung mit "lebendem" Impfstoff (Polio-Vakzine) im 3., 5. und 13. Lebensmonat sowie eine Aufrischung bzw. Boosterung im 12. - 15. LJ ist und bleibt die beste Medizin (das nennt man Vorsorge).

spezielle Informationen für Kollegen


Synonym

  • Heine-Medin
  • Poliomyelitis anterior acuta
  • spinale Kinderlähmung
  • Polio

ICD-10

  • A80.0-4,9

Definition

  • meldepflichtige Infektion des ZNS bzw. RM durch Polioviren mit asymmetrischen Befall der Vorderhornzellen und des 2. motorischen Neurons

Historie

  • 1836 durchtrennte L. Strohmeyer subkutan die Achillessehne von W.J. Little, welcher an Polio litt und später die IZP beschrieb

Häufigkeit

  • früher epidemisch
  • heute sporadisch
  • Erwachsene zu 12-52% beteiligt

Ätiologie


Erreger
  • Polio-Virus Typ I - III (Enterovirus)

Pathogenese

  • Schmutzinfektion
  • zu 90% inapperente bzw. abortive Infektion
  • 1-2% ZNS-Beteiligung

Prophylaxe

  • Impfung (oral mit Polio-Vakzine)

Lokalisation

  • RM (55 - 90%) über Medulla oblongata, zentrale Kerne des KH (1 - 10%) bis Basalganglien (1 - 2%)

Symptomatik

  • Temperaturerhöhung und Fieber, Leistungsinsuffizienz, Kopfschmerz (cephalgia), Dysästhesien, Schlafstörungen, vegetative Störungen, schließlich asymmetrische Paresen bei erhaltener Sensibilität

Klinik


Inkubationszeit
  • 6-8 Tage
katarrhalisches Stadium
  • 2-4 Tage
Organmanifestation
  • nach Intervall von 1-6 Tagen
  • unter erneutem Fieber ("Dromedar"-Kurve)
meningitisches Stadium
  • reduzierter AZ, Kopfschmerz (cephalgia), Dysästhesien, Schlafstörungen, vegetative Störungen
Paralysestadium
  • asymmetrische Paresen bei erhaltener Sensibilität
Reparationsstadium
  • nach weiteren 5-7 Tagen
  • bis zu 2 Jahren

Diagnostik


Anamnese
EA
  • Epidemie "mit Leistungsinsuffizienz, Kopfschmerz (cephalgia), Dysästhesien, Schlafstörungen, vegetative Störungen"
Status
Messung
  • Temperaturerhöhung und Fieber ("Dromedar"-Kurve)
  • Muskelfunktionsprüfung (MFP) nach Janda, Kendall, Brunner, BMCR etc.
  • Status der Muskeleigenreflexe (MER)
  • Sensibilität (nur Dysästhesien)
Labor
Rachenabstrich
  • Virusnachweis mit Titerkontrollen mindestens 8 Tage
Stuhl
  • Virusnachweis mit Titerkontrollen mindestens 8 Tage
Biopsie
Liquor
  • Pleozytose bis 1000/3 Zellen und Virusnachweis mit Titerkontrollen mindestens 8 Tage

Differentialdiagnostik

Therapie


kausal
  • Impfung mit lebendem Impfstoff (Polio-Vakzine) im 3., 5. und 12. - 15. Lebensmonat (LM) sowie Boosterung im 12. - 15. LJ (vgl. Impfkalender)
symptomatisch operativ
  • bei Fehlstellungen und Deformitäten v.a. ZFS und FFS Korrektur-Osteotomien und Arthrodesen

Komplikation

  • Schluckbeschwerden (dysphagia), Ateminsuffizienz, Blasen- und Mastdarmentleerungsstörungen

Prognose

  • Letalität bei Neugeborenen bis 50, sonst bis zu 10% (bei Männern 20-30%)

Literatur

  1. Förster J (2003) Enterovirus-Infektionen. In Lentze MJ, Schaub J, Schulte FJ, Spranger J (Hrsg.) Pädiatrie. 2. überarb. und erw. Aufl. Springer, Berlin Heidelberg New York Hongkong London Mailand Paris Tokio 777
  2. Klingelhöfer J, Spranger M (1997) Klinikleitfaden Neurologie und Psychiatrie. Gustav Fischer, Ulm Stuttgart Jena Lübeck
  3. Krämer KL, Stock M, Winter M (1993) Klinikleitfaden Orthopädie. 2. erw. Aufl. Jungjohann, Neckarsulm
  4. Paal G (1992) Orthopädische Probleme bei Erkrankungen und Schädigungen des Nervensystems. In Jäger M, Wirth CJ (Hrsg.) Praxis der Orthopädie. 2. neubearb. Aufl. Georg Thieme, Stuttgart NewYork 453-4
    © 2007 - Dr. med. F. Uwe Günter   nach oben